aktiv&jung 02-2020

Magen-Darm-Beschwerden können sich ganz vielfältig ausdrücken und auch unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Jeder hat einen „anderen Reizdarm“. Wo es die ei- nen durch Bauchkrämpfe regelmäßig mit der Wärmfla- sche auf die Couch zwingt, steht bei anderen eher die panische Suche nach der nächsten Toilette aufgrund einer plötzlichen Durchfall-Attacke auf dem Programm. Etwa die Hälfte der Betroffenen fühlt sich durch die Be- schwerden nicht eingeschränkt und sucht keine medi- zinische Hilfe. Das Ausmaß der Beeinträchtigungen im Alltag (z.B. Beruf, Familie, Sexualität, Freizeit) reicht bei der anderen Hälfte von gering bis erheblich. Diagnose Grundsätzlich kann man aber sagen: Treten Symptome wie Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe und Blähungen im- mer wieder im Zusammenspiel mit Problemen beim Toi- lettengang auf, beispielsweise Verstopfung oder Durchfall, könnte ein Reizdarmsyndrom dahinter stecken. Genau das macht die Erkrankung aber so schwer zu fassen und erklärt außerdem die hohe Dunkelziffer in Deutschland. Die Betroffenen können sich häufig nicht erklären, was genau mit ihnen los ist oder was sie dagegen tun können – und oftmals tappen auch die Ärzte vorerst im Dunkeln. Denn wichtig zu wissen ist hierbei auch, dass die Diagnose eines Reizdarmsyndroms in der Regel auf Ausschlusskri- terien beruht. Erst, wenn der Arzt andere Gründe für die Beschwerden, wie zum Beispiel eine Nahrungsmittelun- verträglichkeit oder weitere Magen-Darm-Erkrankungen ausgeschlossen hat, diagnostiziert er ein RDS. Gehirn, Psyche, Bauch Das zentrale Nervensystem und das Darmnervensystem stehen über Botenstoffe, die von Nervenfasern freigesetzt werden, in engem Austausch: über die sogenannte Darm- Hirn-Achse. Experten mutmaßen, dass das Darmnerven- system, auch Bauchhirn genannt, bei Reizdarmpatienten überaktiv ist. Das kann einerseits die Beschwerden im Bauch hervorrufen. Andererseits wird über das überakti- Gesundheit ve Bauchhirn vermutlich die Psyche beeinflusst – umgekehrt wirkt sich die Stimmung auch auf den Magen- Darm-Trakt aus. Studien zeigen: Reiz- darm geht oft mit Depression, chro- nischem Stress, seelischen Traumata und Angststörungen einher. Da sich negativer emotionaler Stress nachteilig auf die Beschwerden aus- wirken kann, helfen oft Entspan- nungsverfahren um gegenzusteuern. Welche Methode die beste ist, muss der Patient selbst austesten. Eine ein- fache Möglichkeit ist zum Beispiel tief durch den Bauch ein- und auszuatmen. Manchen Patienten hilft Pfeffer- minzöl, da es krampflösend wirkt. Gegen die Blähungen und den aufgeblähten Bauch wirken zum Beispiel Fenchel- Anis-Kümmel-Tee. Einfluss der Ernährung Viele Menschen, die einen gereizten Darm haben, be- richten, dass bestimmte Lebensmittel die Beschwerden triggern. In den letzten Jahren sind vor allem sogenann- te FODMAPs in den Fokus geraten. Dabei handelt es sich um bestimmte Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die in vielen Nahrungsmitteln vorkommen. Manche Reizdarm- patienten vertragen vermutlich lediglich kleine Mengen davon und können die Zucker nur unvollständig im Dünn- darm abbauen. Bakterien im Dickdarm zerlegen die FOD- MAPs dann, was die typischen Symptome auslöst. Zum Teil bereiten auch nur bestimmte Zucker wie Milchzucker oder Fruchtzucker Probleme. Manche Betroffene reagieren eventuell auf Gluten, das Klebereiweiß aus Weizen, oder auf andere Inhaltsstoffe in Weizen empfindlich – obwohl keine Zöliakie vorliegt. Veränderte Darmflora Menschen mit Reizdarmsyndrom haben gegenüber Ge- sunden eine veränderte Darmflora. Teilweise kommen andere Bakterienstämme verstärkt vor als bei gesunden Menschen, teilweise gibt es weniger verschiedene Arten. Antibiotika, Magen-Darm-Infektionen und chronischer Stress können zu einer veränderten Darmflora führen. Stu- dien zeigen zudem, dass sich bei manchen Patienten zu viele Bakterien im Dünndarm befinden, wo sie normaler- weise nicht hingehören. Welche Rolle die Darmflora genau beim Reizdarm spielt, muss weiter erforscht werden. Ebenso, ob eine veränderte Bakterienzusammensetzung Ursache oder Folge der Darmkrankheit ist. Besonders bei Reizdarmpatienten, die häufig an Durchfall leiden, spielt möglicherweise eine leichte, aber dauerhaft bestehende Entzündung der Darmschleimhaut eine Rolle. Beim Reizdarmsyndrom handelt es sich um eine Funktionsstörung des Darms. Die Krank- heit geht mit Bauchschmerzen und anderen Symptomen einher, die in Zusammenhang mit dem Stuhlgang stehen. Ein Reizdarm tritt bei Frauen etwa doppelt so häufig auf wie bei Männern. 17 aktiv&jung 2|2020

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